Wie lassen sich Räume, Infrastrukturen und Nutzungen so kombinieren, dass sie mehrfachen Zwecken dienen und dabei gestalterisch, funktional und gesellschaftlich überzeugen? Diese Frage stand im Zentrum der RZU-Weiterbildungsveranstaltung vom 18. September 2025 in Zürich-Altstetten.
Zum Auftakt wurden die Teilnehmenden auf eine Führung durch das entstehende Koch-Quartier mitgenommen. Sigrun Rohde von Grün Stadt Zürich erzählte von der bewegten Geschichte des Areals und dessen Entwicklung. Dabei ging es um die jahrelange Besetzung, den Erwerb des Geländes durch die Stadt Zürich und die Weiterentwicklung in einem partizipativen Prozess. Die Bodenvergabe erfolgte im Baurecht, wobei sich Teams aus Immobilienentwickler*innen und Genossenschaften bewerben konnten. Den Zuschlag erhielten das Team aus Senn, Kraftwerk1 und ABZ. Als erstes Quartierelement wurde der Koch-Park realisiert. Sabine Kanne von Krebs und Herde berichtete aus der Konzeptionsphase des Parks, dem Bau, der Erneuerung der Kohlehalle und davon, welcher Spuren sich der Park bediente. Als öffentlicher Freiraum mit dem grosszügigen überdachten Aussenraum ist der Koch-Park per se auf Mehrfachnutzung ausgelegt. Er kombiniert diverse Aneignungsmöglichkeiten für Quartieranwohnende und Besucher*innen mit Biodiversitätsförderung, Regenwasserversickerung, Nahrungsversorgung und Re-Use-Elementen (vgl. Eintrag zum Koch-Park in unserer Datenbank Plus Zürich 2050).
Der zweite Fokus des Rundgangs lag auf dem Gewerbehaus MACH. Der Bau wurde von Senn in Auftrag gegeben, wovon Johannes Eisenhut (Senn), Johannes Käferstein (Käferstein & Meister Architektur) und Murat Ekinci (Ekinci Architektur) berichteten. Beim MACH handelt es sich um ein langlebiges und flexibel nutzbares Gebäude. Mit überhohen Räumen, mehreren Treppenhäusern und der Möglichkeit zur Integration von Galeriegeschossen bietet es Raum für vielfältige Nutzungen – von Werkstätten und Ateliers über Büros bis hin zu Einzelhandel. Die Verbindung zum Park erfolgt über Loggien und eine aussenliegende Treppenanlage.
Die Führung machte deutlich, wie durch innovative Planung und interdisziplinäre Zusammenarbeit neue Formen der Mehrfachnutzung entstehen können – und wie wichtig es ist, Freiräume und bauliche Strukturen als Einheit zu denken.
Im zweiten Teil der Veranstaltung gaben Anna Domeniconi und Elvira Kinzner von der RZU einen einführenden Input, um das Thema Mehrfachnutzung konzeptionell zu verorten. Der Vortrag war bebildert mit einer Vielzahl von Beispielen aus dem In- und Ausland – von der Promenade de l’Aire in Genf über die Zentralbibliothek Oodi in Helsinki bis hin zu flexiblen Gebäudetypologien im Innovationspark Dübendorf. Die Beispiele zeigten, wie Mehrfachnutzung zeitlich, funktional, strukturell und nutzungsbezogen gedacht und umgesetzt werden kann.
Daraufhin führte Senem Wicki von Kühne Wicki die Teilnehmenden durch eine kreative Zukunftsreise mit Bezug zum Thema Mehrfachnutzung. In kleinen Gruppen wurden aus aktuellen Beobachtungen mögliche Entwicklungen für das Jahr 2050 abgeleitet. Die entstandenen Szenarien reichten von herausfordernden bis zu hoffnungsvollen Zukunftsbildern und thematisierten neue Formen des Zusammenlebens, gemeinschaftliche Nutzung, hybride Räume, adaptive Quartiere und geteilte Infrastrukturen. Behandelt wurden aber auch mögliche gesellschaftliche Tendenzen wie zunehmende Isolation, eine stärkere Abhängigkeit von KI-gestützten Entscheidungen oder ein dominierendes Effizienzdenken.
Im abschliessenden Austausch zeigte sich, dass sich viele Zukunftsbilder in zentralen Punkten ähnelten. Besonders hervorgehoben wurden die Bedeutung von Natur und ökologischer Verantwortung, die Notwendigkeit flexibler Strukturen, die Chancen technologischer Unterstützung sowie die Rolle einer aktiven zivilgesellschaftlichen Mitgestaltung. Im Hinblick auf die Mehrfachnutzung wurde eine Kritik an heutigen Planungs- und Entwicklungsprozessen deutlich: Viele Potenziale der Mehrfachnutzung werden nicht oder zu wenig genutzt. Dies liegt aber weniger an gesetzlichen Vorgaben als vielmehr daran, dass über die gesamten Lebenszyklen von Gebäuden, Infrastrukturen und Freiräumen hinweg zu wenig voraus- und quergedacht wird. Mehrfachnutzung verlangt ein neues planerisches Zusammenwirken und den Mut, bestimmte Elemente offen zu halten oder so zu gestalten, dass sie künftige Entwicklungen aufnehmen können. Dies betrifft sowohl die Konzeption als auch die «Hardware» von Freiräumen und Gebäuden. Deutlich wurde zudem, dass Wettbewerbsverfahren, Instrumente und rechtliche Grundlagen so ausgestaltet sein müssen, dass sie Synergien ermöglichen statt verhindern. Soziokulturelle Werte wie Gemeinwohlorientierung, die mehrfache Nutzung von Infrastrukturen und eine Stärkung zivilgesellschaftlicher Elemente gewinnen dabei zunehmend an Bedeutung.
Das Beispiel des Koch-Quartiers sowie die internationalen Best-Practice-Beispiele boten anschauliche Bezugspunkte, die sich auf die eigene Region, kommunale Planungsprozesse und unterschiedliche berufliche Kontexte übertragen lassen. Die Methode der Zukunftsreise erwies sich insgesamt als wirkungsvoller Impulsgeber für die Diskussion über zukünftige Anforderungen und Chancen der Mehrfachnutzung. Es wurde deutlich, dass sie mehr ist als eine einfache Mischnutzung: Sie verlangt neue Denkweisen, mutige Projekte, ein gemeinsames Engagement und aktive Beiträge von Planung, Politik und Gesellschaft.
Im passwortgeschützten Mitgliederbereich können die Unterlagen zur Veranstaltung heruntergeladen werden.